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Schreibkram II

Sonntag, 19. Februar 2017
Der Fall Krawutzke

Herr Krawutze war 67 Jahre und 66 Tage alt, als er in seinem schmuddeligen Wohnzimmer das Zeitliche segnete. Kurz vor seinem Ableben hatte er sich noch ein Leberwurstbrot mit Gürkchen zubereitet und zusammen mit einer Flasche Apfelsaft auf den Wohnzimmertisch gestellt. Danach wollte er sich eigentlich auf seine abgewetzte Couch setzen und genüsslich fernsehen.

Soweit kam es aber nicht mehr, da ihn noch im Hinsetzen ein Herzklabaster ereilte. Er war sofort tot, kippte vornüber und landetet - statt mit dem Hintern auf der Couch - mit dem Gesicht im Leberwurstschnittchen. Er kniete nun also quasi zwischen Couch und Couchtisch, das Gesicht in der Wurst, die Arme hingen seitlich schlaff herunter, die Hände und Finger lagen nach hinten gebogen auf dem knusseligen Teppich. Und da lagen sie und Herr Krawutzke auch am Fronleichnamstag 1999 noch. Zwei Jahre und 124 Tage nach seinem Tod.

Also so ganz am Stück lagen Herr Krawutzke und seine Hände natürlich nicht mehr da, aber doch noch ein erquicklicher Teil davon. Jedenfalls war immerhin mehr von ihm übrig geblieben, als von dem Leberwurstbrot. Dass da überhaupt mal ein Leberwurstbrot zugegen war, wurde mir aber erst nach der kriminaltechnischen Untersuchung bewusst, die ich nach Auffinden von Herrn Krawutzke angeordnet hatte.

Wohnverhältnissen des Herrn Krawutze:
Herr Krawutzke lebte bis zu seinem Tod im 10. Stock eines Wohnblocks, der insgesamt 152 Wohnungen á 65 qm² beherbergte. Dort wohnte er seit 1978. Und das tat er so lange alleine, bis ihm am 18. Mai 1994 ein Wellensittich zuflog, der dann bei ihm einzog. Herr Krawutzke gab ihm einen Namen und der Vogel männlichen Geschlechts hieß fortan Frau Krawutzke.

Die Nachbarn aus der Wohnung oberhalb von Herrn Krawutzke's Wohnung versicherten mir daher, dass Herr Krawutzke eine Frau gehabt habe, da man sie ( bis vor zwei Jahren und 124 Tagen ) täglich lauthals miteinander streiten und diskutieren gehört habe. Das sorgte für einige Verwirrung, denn es stand zu dem Zeitpunkt noch nicht fest, ob Herr Krawutze eines natürlichen Todes erlegen war oder das Opfer einer Gewalttat wurde.

Ich gab also umgehend eine Fahndung nach Frau Krawutzke raus. Erst später fanden wir den verwesten Vogel. Er hing - ähnlich wie Herr Krawutzke - kopfüber in einer Pflanze, die mal ein Gummibaum gewesen sein muss. Dass das die besagte Frau Krawutzke war, darüber gab uns die Aufnahme auf einer Kassette Aufschluss, die sich in einem Kassettenrekorder befand, der sich im Schlafzimmer des Herrn Krawutzke befand. Auf dieser Kassette hatte Herr Krawutzke einige Gespräche aufgenommen, die zwischen ihm und seinem Vogel stattgefunden hatten. Der Vogel konnte wirklich sprechen und was er sagte, klang nicht mal dumm.

Die Fahndung nach Frau Krawutzke wurde nach dem Abhören der Kassette dann wieder eingestellt. Der Vogel und die Kassette wurden in eine Plastiktüte gesteckt und anschließend in die Asservatenkammer gebracht.

Herr Krawutzke diente derweil als Modell, denn er wurde von allen Seiten fotografiert. Als alle Spuren gesichert waren, versuchten zwei Leichenbestatter die Überbleibsel von Herrn Krawutzke's Händen und Knien vom Teppich zu lösen und sein Gesicht von der Tischplatte. Nach dreißig Minuten höchst unappetitlichen Gezerres am Leichnam, entschieden die Herren sich, das Stück Teppich rund um Herrn Krawutzke's untere Extremitäten abzuschneiden.

Ebenso verfuhren sie mit der Tischplatte und dem sich darauf befindlichen Kopf des verblichenen Herrn Krawutzke. Die Tischplatte - die aus Holz gefertigt war - wurde mittels einer sich in der Wohnung befindlichen Säge zersägt.

Herr Krawutzke wurde sodann mit einem Teil seines Mobiliars zur weiteren Begutachtung in die Gerichtsmedizin transportiert. Dies war von Nöten, da Aufgrund von Herrn Krawutzke's merkwürdiger Körperhaltung bei Auffindung durchaus auch von einem Mord ausgegangen werden konnte. Zumal sich an seinem Hinterkopf eine etwa 2 cm große, runde Erhebung befand, die mich dazu veranlasste, anzunehmen, dass Herr Krawutzke eventuell in seinem Wohnzimmer hinterrücks erschlagen wurde.

( Ich konnte ja auch nicht ahnen, dass Herr Krawutze am Morgen seines Ablebens im Bad ausgerutscht und dann mit dem Hinterkopf auf eine metallene Pillendose geknallt war, die ihm vor dem Sturz aus der Hand geglitten war. Dies ergab erst die spätere Auswertung der Spurensicherung. )

Nach der routinemäßigen Befragung aller Bewohner des Wohnblockes, ob ihnen vor zwei Jahren und 124 Tagen irgendetwas Merkwürdiges aufgefallen sei und nach mehrfacher Untersuchung des Leichnams von Herrn Krawutzke wurde dann aber schnell klar, dass Herr Krawutzke vor zwei Jahren und 124 Tagen an einem Herzklabaster verstorben war, kurz nachdem er sich ein Leberwurstbrot mit Gürkchen zubereitet hatte.

Von den 281 Bewohnern des Wohnblocks, in dem Herr Krawutzke mehr als 19 Jahre lebte und zwei Jahre und 124 Tage tot rumlag, kannten ihn 272 Bewohner überhaupt nicht, 5 hatten vor Jahren mal kurz Kontakt mit ihm, ein Ehepaar behauptete steif und fest, sie wären vor sechs Jahren auf seiner Beerdigung gewesen, die Nachbarn oberhalb dachten, es wäre so ruhig geworden, weil Frau Krawutzke gestorben sei und einer wollte Herrn Krawutzke vor etwa zwei Wochen noch im Penny-Markt um die Ecke gesehen und gesprochen haben.

Was den nicht wahrgenommenen Gestank aus Herrn Krawutzke's Wohnung anbetrifft, so muss man sagen: Der ganze Wohnblock roch in etwa so, wie Herr Krawutzke, Frau Krawutzke und das Leberwurstbrot während ihrer Decomposition wohl auch gerochen haben werden.

Nach zwei Jahren und 124 Tagen darauf aufmerksam geworden, dass in der Wohnung von Herrn Krawutzke etwas nicht stimmte, war man daher erst, als in etwa 200 Meter Entfernung zu Herrn Krawutzke's Wohnblock eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg gefunden wurde. Woraufhin alle Bewohner persönlich an der Haustür aufgefordert wurden, den Wohnblock zu verlassen.

Als Herr Krawutzke trotz mehrmaligem Klingeln nicht öffnete, machte man sich Sorgen und bat den Hausmeister, die Wohnungstür zu öffnen.

Dass Herr Krawutzke bereits am 11. Dezember 1997 verstorben sein muss, schloss man aus der Tatsache, dass zum einen das Fernsehprogrammheft auf seinem Wohnzimmertisch bei diesem Datum aufgeschlagen war und zum anderen lag auch eine Tageszeitung in seiner Küche, die dieses Datum trug.

Private Post bekam Herr Krawutzke nie, da er - bis auf den Vogel - weder Freunde noch Verwandte hatte. Seine Warmmiete, Strom und Wasser wurden automatisch abgebucht. Ansonsten hatte er keine Verbindlichkeiten. Keine Versicherungen, keine Mitgliedschaften, keine Kredite.

Auf Herrn Krawutzke's Konto befanden sich stolze 33.536,13 D- Mark. Nach Rückzahlung der über zwei Jahre und 124 Tage zu viel erhaltenen Rente - die sich auf monatlich 1.021,40 D-Mark belief - und nach Abzug der Kosten für die Säuberung seiner Wohnung, blieb ein Restguthaben von 3.245,28 D-Mark.

Von diesem Geld wurde seine Bestattung bezahlt, zu der außer mir und dem Pastor nur noch die Nachbarn oberhalb, der Hausmeister des Wohnblocks und Frau Heringsdorf aus dem 3. Stock erschienen. Wobei Frau Heringsdorf nur deswegen gekommen war, weil sie sich einen Beerdigungskaffee mit Streuselkuchen ausgerechnet hatte. Dieser fand aber nicht statt.

Auch nach Begleichen der Bestattung blieb noch ein Restguthaben von 180,63 D-Mark übrig. Wir waren uns alle einig, dass dieses Geld an den örtlichen Zoo gehen sollte. Die Zooverwaltung versprach, davon die Voliere der Wellensittiche auszubessern.

Herr Krawutzke's Dasein ging somit Null auf Null auf.

Was noch zu erwähnen wäre, ist: Es wurden keine Reste von Leberwurstbrot in Herrn Krawutzke's Magen gefunden. Im Magen von Frau Krawutzke ( dem Vogel ) indes schon.


Protokoll erstellt am 11. Juni 1999 von Hauptkommissarin Edda Leich - Mordkommission Berlin Mitte/Soko Leberwurst
Aktenzeichen: Kra-Leb/6/99
Archiv-Nummer: RZ11

14 Jahre später...

Helmut Spangel hatte seine Ausbildung in der Polizeischule Oldenburg mit Bravour bestanden und seine erste Anstellung als frisch gebackener Kommissar führte ihn direkt in die Fahndungsabteilung der Mordkommission Berlin Mitte. Spangel war 27 Jahre alt, 1,70 Meter groß, ledig. Er hatte blonde, kurze Haare, blaue Augen, trug eine Brille und wog 85 Kilo.

Alles in allem kann man sagen, dass Helmut Sprangel rein äußerlich nicht unbedingt ins Auge fiel. Er war unscheinbar und er kleidete sich auch so. Er trug das ganze Jahr über schwarze Jeans und Langarm-T-Shirts in tristen Braun- Grau- oder Grüntönen. Man kann auch sagen: Er kleidete sich in Kackfarben. Ansonsten war er gar nicht Grau, sondern äußerst schlau.

....Fortsetzung folgt

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